Armes Engelchen


Sie betritt die Kneipe wieder. In der einen Hand hält sie ihr lilanes Feuerzeug, in der anderen ein Handy. Ein Nokia 3330, oder 3310. Es hat eine dieser \"nur-bei-emp-erhältlichen\" Oberschalen. Hellblau. Entweder Angel, oder Dreambär. Ich erkenne es nicht genau.
Während sie an mir vorbeigeht nehme ich den Geruch von Pfeifentabak und Vanille wahr, Petrer Heinrichs. Sie muss draußen Peter Heinrichs geraucht haben.
Sie geht weiter, beachtet mich nicht, bis sie an einem Tisch stoppt, an dem ein weiteres Mädchen sitzt. Auch ihr scheint aufgefallen, was mir sofort in die Augen fiel. Die Kleine ist merklich blasser als vor 10 Minuten, als sie hinausging.
Besorgt mustert die Sitzende, ich nenne sie insgeheim die Dunkle, weil sie dunkelbraune Locken hat und mir ihre schwarze Lederhose sofort ins Auge fiel, ihre Freundin, während diese nach einer Zigarettenpackung auf dem Tisch greift.
Gold-Schwarz. Der Name ist gut lesbar. Es sind tatsächlich Peter Heinrichs. Guten Geschmack hat sie ja.
Die Dunkle widmet sich wieder ihrem Block, scheint etwas zu schreiben. Beide reden miteinander, die Kleine lacht. Es klingt warmherzig und aufrichtig.
Sie steht nun hinter der Dunklen, liest das Geschriebene durch. Dann schüttelt sie ihren Kopf. Ihr langes kupfergoldblondes Haar schwingt dabei hin und her. Sie steckt die Zigarette lässig in den Mund und zeigt auf eine Stelle auf dem Block.
Die Dunkle folgt mit ihrem Blick der Geste und nickt stumm. Sie streicht etwas durch und schreibt etwas anderes.
Ein \"Danke\" ist zu vernehmen.
Die Kleine sagt nichts, drückt nur ihre Zigarette aus. Irre ich mich, oder ist sie noch blasser als zuvor?
Während die Dunkle ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Block widmet, geht die Kleine langsam und leicht schwankend um den Tisch herum.
Ein leises, schwaches \"ich....\" ist zu vernehmen und dann verdreht sie schon ihre Augen und bricht zusammen.
Ich will aufstehen, zu ihr eilen, aber ER und die Dunkle sind schneller. ER fühlt ihren Puls. Ein Aufatmen. Der Puls ist da, sie hat bloß das Bewusstsein verloren.
Die Dunkle lässt sich in einen Stuhl fallen und zündet sich eine Zigarette an. Sie macht sich Vorwürfe ihrem kleinen Engelchen nicht die Zigaretten weggenommen zu haben.
Engelchen nennt sie die Kleine. Ich betrachte das blasse kleine Wesen, dessen Kopf nun in SEINEM Schoß ruht.
Ihre Haut, nun ist sie weiß, scheint von Natur aus schon ziemlich blass zu sein. Ihr Haar, eine wunderschöne Farbe, es glitzert wie Gold. Manche würden für diese Farbe alles tun, geht mir durch den Kopf. Die Augen, ich kann sie nicht sehen. Sie sind immer noch geschlossen, aber ich erinner mich. Ihr Blick war traurig, die Augen blau, oder grün?
Dann betrachte ich ihre Kleidung, eine rosa Schlaghose und ein rosa Schnürtop, beides aus Cord, und darunter ein weißes Hemdchen. Rosa, ich rümpfe die Nase. Aber es ist ein angenehmes rosa, nicht so ein babyrosa, es ist, glaube ich, ein altrosa.
Ja, die Dunkle hat Recht. Die Kleine erinnert mich an ein Engelchen. Ich ertappe mich, wie ich nach ihren Flügelchen suche.
Das Engelchen bewegt sich. Sie kommt wieder zu sich, schlägt die Augen auf. Als sie IHN erblickt, schließt sie wieder die Augen. Ihre Stimme ist schwach, leise und kaum verständlich: \"Was ist passiert?\". ER antwortet ihr, erzählt alles.
Als ER dabei ihren linken Arm berührt, zieht sie diesen mit einem schmerzverzerten Ausdruck im Gesicht und einem \"AUA\" weg. SEIN Blick verdüstert sich und auch die Dunkle wirkt plötzlich wieder ängstlich.
Man kann ihnen die unausgesprochene Frage vom Gesicht ablesen: Hat sie sich etwa beim Sturz verletzt?
ER greift abermals nach ihrem Arm. Engelchen versucht sie wegzuziehen, merkt aber, daß ER stärker ist.
Sie wendet ihr Gesicht ab und ich sehe wie Tränen ihre grünen, oder ist es blau?, Augen füllen, während ER den Ärmel des Hemdchen hochzieht. Ich vernehme ein entsetztes \"Das glaube ich nicht\" und wende den Blick von ihrem Gesicht zu IHM ab. ER starrt gebannt und entstetzt auf den Arm der Kleinen.
Zuerst verstehe ich sein Entsetzen nicht, dann sehe ich das Pflaster. Quer über den oberen Bereich ihres Unterarms. Noch immer verstehe ich SEIN Entstetzen nicht ganz.
ER zieht das Pflaster ab und schüttelt den Kopf. Die Kleine blickt ihn an und weint.
Langsam verstehe ich ganz.
Ich erkenne die Wunden.
Lange tiefe Schnitte.
Sie scheinen nicht alt zu sein, sind noch rot, eine fängt sogar wieder an leicht zu bluten.
Ich zähle...eins...zwei...drei...vier rote Schnitte, und zwei Narben von älteren Schnitten.
Mir wird schlecht und ich wende den Blick von ihrem Arm ab.
Ich blicke zu der Dunklen. Sie schüttelt den Kopf: \" Du hattest es versprochen, Lily.\"
ER schüttelt auch den Kopf. SEIN schulterlanges, dunkles Haar schwingt dabei ähnlich wie das des Engelchens hin und her.
\"Waum?\", fragt er bloß, \"Warum hast du das getan?\"
Die tränenerstickte Stimme der Kleinen erklingt, nur zwei Wörter sind verständlich, bevor alles in einem Schluchzer untergeht. \"Katze\" und \"tot\".
ER schließt sie in die Arme und wiegt sie behutsam wie ein kleines Kind bis sie einschläft.
Und die Dunkle? Sie zündet sich eine neue Zigarette an, klammert sich an ihr. Scheint es sonst nicht auszuhalten.
Ich trinke mein Wasser aus und ziehe meinen Mantel an. Für heute habe ich genug von dieser Welt gesehen.
Armes Engelchen, denke ich.
Während ich die Kneipe verlasse zünde ich mir eine Peter Heinrichs an und inhaliere den Rauch tief. Ich taste in meiner Manteltasche, bis ich das kalte Eisen meiner Rasierklingen spüre, dann trete ich beruhigt meinen Weg in meine kleine Wohnung an.


by Nina "nori" Weihnert

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