Die Geschichte von Eryniel und ihrem Geliebten


Vor langer Zeit wurde in Erin ein Mädchen geboren, dem man den Namen Eryniel gab. Sie hatte dunkelrotes Haar und Augen in einem dunklen grün, wie dem vom Wald. Ihre Haut war ungewöhnlich bleich, weshalb sie viele Menschen an eine Fee erinnerte, doch sie war ein normales sterbliches Geschöpf, wie wir alle auch. Gut behütet wuchs sie im Hause ihres Vaters auf, zusammen mit ihren vier Brüdern. Da dieses mitten im Wald lag, wurde sie zu einem richtigen Kind des Waldes, sie kannte jeden Strauch, wusste, welche Pflanzen heilen konnten und vor welchen man sich in Acht nehmen sollte und lange Zeit lang verliess sie den Wald, der ihr Heim beschützte, nie. Ihr Vater, der sonst immer lieb und freundlich war, und seiner Tochter alles erlaubte, hatte ihr strengstens verboten einen Fuss aus dem Wald zu setzten, denn, so munkelte man im Dorf, die Fomhoire hatten zu ihm gesprochen und ihm befohlen, dass er seine Tochter im Wald zu behalten müsse, denn sie würden sie noch gebrauchen und ausserhalb des Waldes würde sie ihre Seele verlieren. Doch Eryniel, die Mittlerweilen zu einer jungen Frau herangewachsen war, kümmerte sich um die Gerüchte und das Verbot ihres Vaters wenig, denn welchen Grund sollte sie haben den Wald, mit dessen Geister sie zu sprechen vermochte, zu verlassen? So dachte sie jedenfalls bis zu einem Morgen, der ungewöhnlich klar war, sie ging wie üblich in den Wald um einen Vorrat ihrer Kräuter zu pflücken, ausserdem hatte sie vor kurzem eine Stelle entdeckt an welcher besonders süsse Erdbeeren wuchsen. Also ging sie zu dieser Stelle hin und sammelte viele Beeren für ihr Körbchen, welche sie ihrem jüngeren Bruder geben würde.
Als sie dort kniete und summend die reifen Beeren abpflückte, hörte sie plötzlich ein Geräusch, wie es ihre Ohren noch nie vernommen hatten. Ein fernes Rauschen, welches in ihren Ohren wie ein leises Klagelied klang. Wie gebannt stand sie au und folgte dem Klang, der immer lauter und wilder zu werden schien. Und erst als sie an den öussersten von den Bäumen angelangt war, erkannte sie, dass sie dabei war, das Verbot ihres Vaters zu missachten. Sie zögerte einen Moment, doch dann siegte die Neugier und sie schob den warnenden Gedanken beiseite und verliess den Schutz der Bäume.
Dort stand sie, vor der Quelle des Klanges, den sie vernommen hatte und riss staunend die Augen auf. Zum ersten Mal in ihrem leben erblickten ihre Augen das Meer. Nie zuvor hatte sie ein derartiges Gewässer gesehen, so endlos gross und tief war es und die Wellen, wie sie spielten und sich überschlugen. Entzückt liess sie sich im Sand nieder, ganz verzaubert von dem Anblick. Und so sass sie da, ohne auf die Zeit zu achten, staunend wie ein kleines Kind, bis ein Schatten, der plötzlich ihr Gesichte bedeckte, sie aus ihren Träumen hochschrecken liess. Sie drehte sich zu der Ursache für den Schatten um und ihr Atem stockte, als ihre Augen etwas erblickten, was noch weit schöner war, als das Meer vor ihr. Hinter ihr stand ein Junge, unmerklich älter als sie selbst, aber mit Haaren schwarz wie Ebenholz und Augen von einem Blau, das dem Meer glich und mindestens dieselbe Tiefe hatte. Da entflammte ihr Herz vor Liebe, denn Eryniel hatte eine Gabe zu lieben, wie sie nur wenige Wesen auf dieser Erde je haben werden. Ihr Liebe ging tiefer als jeder Ozean und sie war bedingungslos. Doch auch am Herzen des Jungen ging der Anblick Eryniels nicht einfach so vorbei, auch er verliebte sich sogleich in die hübsche junge Frau, die ihm derart ungleich war. Seine Liebe war zwar nicht annähernd so bedingungslos dafür ungleich leidenschaftlicher.
Langsam machte der junge Mann einen Schritt auf Eryniel zu und fragte mit tiefer, aber sehr wohlklingender Stimme; „ Wie ist dein Name, Tochter des Waldes?“ Eryniel, die in den Augen des Jungen denselben drängenden Wunsch sah, den sie auch verspürte, näherte sich ihm und meinte mit ihrer feinen Stimme; „ Eryniel werde ich genannt, doch wie heisst du, Sohn des Meeres?“
„Bran ist mein Name, schönste aller Töchter, die auf dieser Erde wandlen.“ Und als Bran dies aussprach stand Eryniel so nahe vor ihm, dass er ihren warmen Atem an seinem Hals spüren konnte. Und da konnte er seien entflammte Leidenschaft nicht mehr länger zurückhalten, schloss sie ihn seine Arme und gab ihr einen ungestümen Kuss, den sie mit der gleichen doch unschuldigen Art erwiderte. Und es war, als kämen zwei Teile eines ganzen zusammen. Lange noch lagen sie sich so in den Armen, strahlend von ihrem neunen Glück, und murmelten sich Worte zu. Doch dann wurde dem ein abruptes Ende gesetzt, denn Eryniel sah, wie sich die flammend rote Sonne über dem Ozean niedersenkte. Rasch versprach sie Bran am nächsten Tag wieder hier herzukommen, packte ihr Körbchen und machte sich glücklich singend auf den Rückweg zu ihrem Haus. Dort angekommen, schaffte sie es gerade noch ihr vom Sand beschmutztes Kleid auszuziehen und ein neues dunkelblaues Gewand überzuziehen, bevor sie zum Nachtessen zu erscheinen hatte. Ihr Vater bemerkte zwar den Schimmer in ihren grünen Augen und das verträumte Lächeln, welches auf ihrem Gesicht Platz nahm, doch er stellte seine eigenen Vermutungen auf, die der Wahrheit doch recht nahe kamen und fragte nicht, denn er hatte noch keine Ahnung davon welches Schicksal seiner Tochter bevorstand. Seit diesem Tag an eilte Eryniel immer frühmorgens weg, um sich mit ihrem Geliebten zu treffen, so dass sie mittags wieder zurück war, und sich ihren Aufgaben widmen konnte. Und das verträumte Lächeln blieb auf ihrem Gesicht und erzählte seine eigene Geschichte davon, wie sehr sie sich nach Brans Armen und Lippen sehnte.
Seit dem sie Bran kennengelernt hatte, da hatte der Mond schon einmal abgenommen und wieder bis zur Hälfte zugenommen, als der Tag kann, wo sich ihr Schicksal ändern sollte und ihr Lächeln für immer verschwand.
Früh morgens hatte sie sich wieder davon geschlichen, sie hatte ihr neues Kleid an, das schwarz wie die Nacht war und sie sah so bezaubernd aus, das wohl jedes männliche Wesen ihrem Zauber verfallen wäre. Und als Bran sie so sah, war seine Leidenschaft nicht mehr zu züglen. Begierig küsste er ihren Mund und folgte dann dem Hals nach unten. Sanft schob seine Hand die Träger ihres Kleides von den Schultern und entblösste ihre Brüste. Und auch sie war begierig darauf seinen ganzen Körper zu berühren und so verging nicht lange Zeit, da lagen sie miteinander im Sand und wurden von den Wellen sanft umspült. Endlos schien ihre Vereinung zu sein, doch irgendwann lösten sie sich von einander und schauten zu wie die kleinen Wolken über ihnen vorbeizogen. Doch schon bald erhob sich Bran wieder, noch immer voller Tatendrang und lief in die Wellen hinein, schwamm im Meer wie ein Fisch. Er rief Eryniel, sie solle doch zu ihm kommen, doch so bezaubernd sie auch den Anblick des Meeres fand, traute sie den Wellen zu wenig, als dass sie den Mut fand, sich tiefer hinein zu begeben. Und als Bran dort schwamm und sie lieblich neckte, brach plötzlich eine riesige Welle über ihn hinein und sekundenspäter auch schon über Eryniel, die plötzlich mitten im Wasser lag. Als diese sich endliche wieder im Trockenen fand, gab es von Bran keine Spur mehr und so sehr sie auch rief und bat, er tauchte nicht mehr auf. Noch den ganzen Tag und die ganze folgende Nacht wanderte sie am Strand entlang und suchte ihren Geliebten und erst als der halbe Mond unterging machte sie sich nach hause auf, wo alle in heller Aufregung waren, weil sie plötzlich verschwunden war. Dort beichtete sie ihrem Vater alles, worauf dieser zuerst wütend wurde, doch als er sah, dass seine Tochter schon mehr als genug bestraft worden war, schloss er sie in die Arme und versuchte ihre Tränen zu trocknen. Er sagte ihr, sie dürfe nicht mehr zum Meer gehen und schaute jeden Tag darauf, dass seine Tochter zu Hause blieb und immer genug Beschäftigung hatte, denn, so glaubte er, würde die Wunde mit der Zeit heilen. Doch da irrte er seht. Eryniels herz, einmal vergeben und gebrochen, würde nie mehr heilen. Und Nacht für Nacht wanderte sie im Mondlicht einsam dem Strand entlang, ein Klagelied auf den Lippen und sie bat das Meer, sie auch zu nehmen, damit sie wieder mit ihrem geliebten vereint war. Denn sie wusste, wollte sie Bran jemals wieder sehen, musste das Meer sie freiwillig zu sich holen. Doch die Wassergeister lachten sie nur aus und meinten, dass sie niemals zu ihnen kommen können, sie sei doch ein Kind des Waldes, ihr Platz war nicht hier. Doch Eryniel gab nicht auf und Nacht für Nacht kam sie an den Strand zurück und mit der Zeit verloren ihre Augen jeglichen Glanz und jedes Mal schien sie kränker vor Kummer. Doch die Wassergeister zeigten kein Erbarmen mit diesem zerbrechlichen Geschöpf und so kam es, dass sie nach zwei Jahren starb, an Kummer, doch nicht im Meer, sondern im Wald, ewig von ihrem Geliebten getrennt. Und die Leute erzählen sich, dass wenn man, wenn der Mond zur Hälfte voll ist, nachts alleine an den Strand geht, dann sieht man noch immer ihren Geist, dem Wasser entlang laufen, ihr dunkelrotes Haar im Wind flatternd und die weisse Haut, die fahl im Mondlicht schimmert. Und wenn man ganz ruhig sei, höre man noch immer ihr Klagelied, welches sie leise vor sich hin singt, ein Lied von solcher Traurigkeit, dass man Acht geben müsse, dass es einem nicht selbst das Herz bricht.


by Nirelleth

back