Das Leben der Schatten
Die Dunkelheit breitet sich wie ein Regenschauer über den Friedhof aus. Schnell und unermüdlich verwandelt er die letzte Ruhestätte
in ein trügerisches Bild. Da wo kein Leben sein sollte bewegen sich Schatten. Ein
leises rauschen des Windes ist zu vernehmen. Sonst weicht kein Ton von der Stelle. Die Grabmähler scheinen zu Verrücken. Sich zu verbiegen und
fortzubewegen. Von einem Toten zum anderen. Sie verbreiten die Nachricht des neuen Lebens. Das Leben der Schatten. Stein kracht, die Gruft öffnet sich.
Sargdeckel heben sich und lassen die Geister frei. Ein leises raunen streift durch die geöffneten Tore des Todes. Sie flüstern einander zu. Das
schaurige Kichern eines Untoten lässt die Lebenden zu Eis erstarren.
Der Nebel senkt sich, kleine tropfen rinnen den Stein herunter,
sie sind rot. Es ist Blut eines Opfers, vom Tod gefangen. Er lässt es leiden, schöpft die Kraft aus ihrem Körper. Ihr Körper ist leer, leblos. Er macht sich auf
die Suche nach neuer Kraft. Unermüdlich greift er sich neues Leben, es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Turmuhr schlägt die letzte Stunde der
Nacht an.
Noch eine Stunde kann der Tod auf Erden verweilen. Die Dämmerung setzt ein, die ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages streifen
über den Friedhof. Ein letzter Schrei hallt durch die Tafeln aus Stein. Dan erhellt die Sonne
vollständig die Schlafstätten der Schatten. Die Kreuze rücken wider an ihren Platz. Der Wind hat sich gelegt. Die Gruft hat sich geschlossen.
Das Leben beginnt...
by *Blutsaugerle*